(Wieder)entdeckt: Shang Qin

In Wiederentdeckt by Lea Schneider2 Comments

Im Fall des taiwanesischen Dichters Shang Qin (商禽,1930-2010) bedeutet „Wiederentdeckt“ für den deutschsprachigen Raum eher: Neuentdeckt. Obwohl 2006 eine Auswahl seiner Gedichte unter dem Titel „Traum oder Morgen“ im Projekt Verlag erschienen ist, hat diese bisher kein großes Publikum außerhalb von Sinolog*innen-Kreisen gefunden. Dabei könnten Shang Qins Texte mit ihrer augenzwinkernden Komplexität problemlos stellvertretend für einen ganzen Kanon chinesischer Prosagedichte stehen. In ihnen trifft der Einfluss der europäischen Moderne und die reiche Tradition US-amerikanischer Prosalyrik auf eine Sprache mit unendlichen Möglichkeiten zu Polyvalenz und Verdichtung. Shang Qin nutzt die Besonderheiten der chinesischen Grammatik, um mit großer Nonchalance das umzusetzen, was Lyrik (unter anderem) leisten kann und was sie so notwendig macht: den Fokus auf die Sprache selbst und ihre Absonderlichkeit zu legen, indem sie Worte, Wendungen und Begriffe nimmt, von ihrem (Alltags-)Kontext isoliert und dadurch ihre Gemachtheit aufzeigt, indem sie also vereinfacht und dadurch verdichtet.

Chinesische Schriftzeichen stehen jeweils für eine Silbe, viele Schriftzeichen aber sind homophon, wodurch eine klangliche Mehrdeutigkeit entsteht, die noch einmal um eine schriftliche erweitert wird – denn ein einzelnes Schriftzeichen umfasst häufig nicht nur eine konkrete semantische Bedeutung, sondern ein ganzes Bedeutungsfeld, aus dem je nach Kontext ausgewählt wird. So kann das Wort 界 (jie), der Titel eines Gedichtes, den ich für diesen Artikel als „grenze“ übersetzt habe, nicht nur Grenze, sondern auch Gebiet, (Maß-)Einheit, Welt, Ausmaß, Begrenzung, (König-)Reich bedeuten – es geht also um das allgemeine Konzept von „etwas klar Eingegrenztem“. Während die Auswahl der jeweiligen Subsemantik in alltagssprachlichen Situationen durch das Anhängen einer zweiten, konkretisierenden Silbe ermöglicht wird, steht in lyrischen Texten im Sinne von Verkürzung = Verdichtung nur das Basis-Zeichen in seiner Vieldeutigkeit. Das Chinesische erscheint hier als ideales Medium einer Semantik- und Sprachskepsis, wie sie sich auch in der zeitgenössischen deutschen Lyrik häufig findet.

Was mich an Shang Qins Gedichten zunächst fasziniert, ist, dass dieses Uneindeutigwerden (bzw. im chinesischen Kontext: Uneindeutigsein) der Sprache aber eben nicht zu einem Unnützwerden von Semantik führt, sondern zu einem „Jetzt erst recht“ des Geschichtenerzählens, das um seine eigene Unmöglichkeit weiß. Innerhalb eines narrativen Prosa-Tons entfaltet sich dabei das Lyrische durch die ständige Verschiebung von Bedeutungen des gleichen Wortes. Shang Qins Texte wirken fast wie Märchen in ihrer Wunderlichkeit und sind dabei so klug wie surreal, was z.B. das bereits erwähnte Gedicht „grenze“ zeigt:

grenze

es heißt, im ausland herrsche krieg…

und so kommt es, auf einer bestimmten straße kurz vor tagesanbruch, dass ein nachtwächter plötzlich gegen etwas stößt, das gar kein hindernis ist. als er kurz darauf er weitergeht, unsicher, wo die „grenze“ verläuft, formt diese frage seinen körper zu ihrer kopie: kopf nach unten, hände verschränkt.

tatsächlich ist es aber schließlich ein streunender hund, der die grenze entdeckt und feststellt, dass sie aus den leeren blicken im badezimmer besteht, wenn man morgens mit einer vagen ahnung vom andauern der traumlogik aufsteht, und außerdem aus denselben glasscherben wie die mauerkronen auf grundstücksgrenzen.

Besonders spannend wird dieses Verfahren, wenn Shang Qin (politische) Traumata als Thema wählt: In kleine, alltägliche Geschichten dringt dabei immer wieder das Unverarbeitete ein, das sich vielleicht anders gar nicht verarbeiten lässt als durch eine vorgebliche Naivität, ein kolloquiales Schreiben an der Oberfläche, unter der das Grausame so knapp sitzt, dass es durchscheint. So gelingt es Shang Qin, ebendiese Oberflächlichkeit des Grausamen offensichtlich zu machen. Seine politischen Texte scheinen deshalb so stark, weil sie nicht nur anklagen, sondern mit dem Gewaltvollen umzugehen versuchen – in der Sphäre des Ästhetischen. Sie nehmen das sprachlich Naheliegende, den semantischen Mainstream als Ausgangspunkt, um an den Bruchlinien, an denen dieser Mainstream uneindeutig wird, eine Utopie zu schaffen, einen Raum, der sich beim Lesen auf der Zeichenoberfläche entfaltet. So entsteht ein Spiel, das in Shang Qins Texten widerständig wird: Eine Form von Humor, die durch Polyvalenz und Surrealität einen lyrischen Echoraum in der Prosa entwirft und damit einen Weg findet, Gewalterfahrungen zu thematisieren, die anders nicht zu benennen oder zu bewältigen sind. Diese kluge Reaktion auf das Grausame – es mit entschiedener Verspieltheit und mit überlebenswichtigem Witz zu beantworten – zeigt sich zum Beispiel in „junischnee“, einem der späten Gedichte Shang Qins, das mehr als deutlich und dennoch sehr klug auf den 4. Juni 1989, den Zeitpunkt des Tian’anmen-Platz-Massakers anspielt:

junischnee

ich falte den brief von der rückseite. so wirkt es fast weiß, er beschreibt zum glück nie beide seiten. falten, nochmal falten, dann die ecken einschlagen, bis ein päckchen entsteht, dann ein kleiner schnitt, noch einer, die ausschnitte rausdrücken, und dann

denke ich immer, so wird schnee gemacht: dass man eingeschnittenes briefpapier, ganz weiß – er schreibt so fein, dass nicht mal ein strich durchscheint – auseinanderfaltet, und schon schmilzt eine sechszackige schneeflocke auf meiner runzligen gelben handfläche. aber dann,

in einer höhe von 3000 oder mehr metern, weiß ein schwarm engel nicht, was er tun soll angesichts der körper, die verstreut auf einem großen platz liegen – bis die temperatur plötzlich unter den gefrierpunkt fällt und ihre streite und ihre seufzer nach und nach kristallisieren und hinunterschweben.

Shang Qins Gedichte zu entdecken lohnt sich also aus vielen Gründen: Sie zeigen die nonchalant-einzigartigen Möglichkeiten, die Prosalyrik bieten kann genauso wie die wunderbaren Eigenartigkeiten des Chinesischen, sie sind gleichzeitig surreale Miniatur-Märchen und politische Dokumente des Widerstands – und dabei so klug verdichtet, dass sie all das in sich vereinen.

Zum weiterlesen gibt es verschiedene Möglichkeiten; einen Band mit deutschen Übersetzungen hat z.B. der Sinologe Hans Peter Hoffmann als Ergebnis eines Übersetzungsseminars an der Universität Heidelberg publiziert:

Hans Peter Hoffmann, Traum oder Morgen – Texte des surrealistischen taiwanesischen Autors Shang Qin (*1930) (gemeinsam mit Studenten des Seminars für Sinologie der Universität Heidelberg). Bochum: Projekt Verlag, 2006.

Die Lebensgeschichte Shang Qins, die eine große Zahl von Namenswechseln und ähnlich viele (gescheiterte) Desertationsversuche aus verschiedenen Armeen enthält und damit fast ebenso erstaunlich ist wie seine Texte, lässt sich zusammen mit einer sehr guten Auswahl seiner Texte in englischer Übersetzung nachlesen in:

Feelings Above Sea Level. Prose Poems from the Chinese of Shang Qin. Translated by Steve Bradbury. Brookline, MA: Zephyr Press, 2006.

Viele sehr gute englische Übersetzungen lassen sich dank der lebendigen englischsprachigen Internet-Magazin-Welt auch online lesen, z.B. in Full Tilt, Cipher Journal, Trout, Double Room, eXchanges und Fascicle.

Übersetzungen für diesen Artikel: Lea Schneider

Comments

  1. Pingback: ÜBERSETZUNG: Taiwanesische Lyrik auf babelsprech.org | G13 | Lyrik

  2. Die Vergleiche sind sehr falsch!
    Deutsch ist eine ‚Gebärdensprache‘? … Nein… Entschuldigung…

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