Alois Hergouth

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Sladka Gora, Süßer Berg
Der Grazer Dichter Alois Hergouth
von Oravin

 

außerhalb seiner heimatstadt Graz ist Alois Hergouth weitgehend unbekannt geblieben. geboren 1925 und aufgewachsen in bescheidenen verhältnissen, kämpft er als soldat im Zweiten Weltkrieg. 1945 beginnt er seine lyrik zu veröffentlichen, unter anderem in Otto Basils ebenso kurzlebigen wie einflussreichen nachkriegszeitschrift Der Plan. er engagiert sich im Grazer literaturleben, unter anderem bei der gründung des Forum Stadtpark und der zeitschrift Manuskripte. als volkskundler an der Grazer universität angestellt, geht er 1978 aus gesundheitlichen gründen in ruhestand und widmet sich fortan konzentriert dem schreiben, bis zu seinem tod im jahr 2002.

die ersten gedichtbände, Neon und Psyche (1953) und Schwarzer Tribut (1958) sind urban, manchmal ironisch und verspielt.

 

Illusion

ist eine lange Plakatwand
vor einem Obdachlosenasyl.-
Am Tage tanzen die Mücken.
Die Sonne brennt.
Und der Regen wäscht
an den roten und gelben Lettern.
Nachts hängen
grüne Finger ins Nichts,
und glitzernde Neonschlangen
greifen den Mond an.
Illusion
ist ein Kino
mit Klimaanlage und kaltem Buffett.-
(…)

 

ab 1959 findet Hergouth zuflucht in einer lehmhütte im slowenischen weinort Sladka Gora („Süßer Berg“) und nutzt sie fortan als zweitwohnsitz:

 

Weitab der Stadt,
die Flucht der Straßen.
Umstellt von Licht die dunkle Hügelflut,
bis an den Saum der letzten Hänge,
bis an das Helle, wo das Meer beginnt.
Weitab von Zeit
das Haus,
der Ort, zu wohnen und daheim zu sein.

Da wird die Stille viel.
Ein Tor, ein Fensterkreuz Begegnung,
Bild und Flucht.
Ein Rehschritt jäh entblößt
in lauschender Erwartung.

 

hier wird Hergouth als Dichter geformt, hier bildet sich langsam die ihm eigene sprache heraus. 1965 erscheint der gedichtband Sladka Gora, ernster, ländlicher und vollkommener als alles, was Hergouth zuvor geschrieben hatte. seine dichtung ist von nun an nicht mehr von diesem ort zu trennen. in der scheinbaren ereignislosigkeit der weinhügel leiden die in städtischer reizüberflutung geformten sinne an entzug und nehmen schutzlos die leere wahr.

 

Wer lange in das Schweigen horcht,
wird taub.
Wer mit den Steinen redet,
verlernt das Wort,
ein Echo zu beschwören –
ein Stoff aus Laut und Traum,
nur Frage, Ahnung,
undausdeutbar,
wie alle Wirklichkeit.

Es ist kein Sieg zu schweigen, taub zu sein.-

Genarrt von Glut und Kühle,
im Echsenblick des Mittags,
der nach Fliegen leckt,
erblindet das Gehör.

 

„Es ist kein Sieg zu schweigen, taub zu sein“: Hergouth setzt der mystischen erfahrung einer sprachlosen welt die kraft des geformten wortes entgegen. doch die sprache verknappt, konzentriert sich auf das wesentliche. manche gedichte gleichen der klassischen chinesischen naturdichtung, beinahe japanischen haikus:

 

Kerzenlicht
Knisternde Schatten –

Etwas
wie ein Gefangenes
wehrt sich
zuckt auf

Etwas
brennt schwarz in der Flamme

Der glasige Leib
eines Falters

 

„Was nicht zur Sprache wird“, sagt Hergouth in einem anderen gedicht, „Musik / gelöste Rhythmen – Wind“: er kämpft darum, es doch zur sprache werden zu lassen, ohne das große schweigen, den „Namen aller Namen“ zu verletzen.

die konzentration auf einen begrenzten weltausschnitt ermöglichte es ihm, diesen ort in allen zeiten zu denken. im weinort Sladka Gora sind die wahrnehmbaren veränderungen jahreszeitlich, rhythmisch: das verbrennen des alten rebenholzes im winter, das setzen neuer triebe, das flechen der bögen, schließlich die lese im herbst. selbst in historischen zeiträumen ist kaum veränderung sichtbar: hier ist das alte dorfleben weitgehend unverändert bestehen geblieben. so ensteht eine sensibilität für geologische zeiträume. nur in ihnen findet wahre veränderung statt.

im apokalyptischen gedicht Wenn dieser Regen kommt imaginiert Hergouth die wiederauferstehung der alten vulkane, die sich unter dem lössboden Sladka Goras verbergen:

 

Wenn dieser Regen kommt,
der lange laute Regen,
wenn dieses Feuer aus den Fluten bricht –

Da sind noch Wege,
Wälder,
Häuser, Dach an Dach gelehnt.
In dunklen Wellen fließt das Land hinab.-

Wenn dieses Meer sich regt,
wenn seine Brandung jäh
den Horizont durchstößt –

Die Tiere schreien Tod.
Sie wittern schon die Risse in den Dämmen.
Ein schwarzes Rauschen
schwillt und schwillt.

Wenn diese Erde aufbricht,
wenn der Himmel stürzt –

Zuckt Feuer aus den Fluten,
Verkohltes,
Zischendes Metall.

(…)

 

in Metamorphosen, einem wohl späten gedicht aus dem nachlass, folgt Hergouth der verwandlung des körpers im lauf der evolution:

 

Ich bin auf dem Meer getrieben und habe meine
Flügel über die Wellen gedehnt. Seltsame Fische
mit grünen und roten Mäulern schwammen vorüber.
Wenn ich den Kopf in das Wasser tauchte,
hörte ich das leise Ticken der Flossen wie eine Uhr.
Ich sah Korallen und tiefe Schluchten. Blumen
mit weichen Rüsseln wie Tiere glitten lautlos
über den Sand. Zwischen zerriebenen Muscheln
türmten sich wunderliche Skelette. (…)

Dann waren Bäume, Wälder. Unendliche Wälder
mit Flügeln und Haaren. Vögel und bunte Raupen
hingen wie Tropfen des Regenbogens im Laub.
Wenn der Wind kam, zerstäubten sie, und die
Schatten rauschten. Und Blumen und Falter
blätterten über die glasigen Stufen hinauf bis
zur Sonne. Luftkristalle, blau, grün, violett,
kreisende Spitzen glitzerten über der Flugspur
singender Käfer. Tausende Augen, Augen von
Leoparden, von Schlangen und Salamandern,
Augen von Tulpen und Orchideen,
Wurzelkrallen, Fühler aus Blütenstaub, Rüssel
und Zähne griffen nach mir.

Ich starb. Ich zerbrach in kristallene Blöcke. (…)

 

Hergouth hatte ein religiöses gemüt, das sich immer wieder in christlichen bildern und marienhymnen ausdrückte, auch so verwurzelt er sich im marienwallfahrtsort Sladka Gora. in Metamorphosen aber gibt er sich dem denken der wissenschaft hin, dem staunen über die unermüdlichen verwandlungen des lebens durch die erdzeitalter.

nach Sladka Gora veröffentlicht Hergouth neben dem autobiographischen prosaband Der Mond im Apfelgarten noch vier weitere gedichtbände: Flucht zu Odysseus, Stationen im Wind, Umkreisung der Nacht und Magische Räume. die konzentrierte intensität von Sladka Gora erreicht er nur noch selten.

sämtliche gedichte sind gesammelt im 2005 beim Wieser Verlag erschienenen band Das Lyrische Werk, herausgegeben von Georg Frena.

Die Reihe „Wiederentdeckt“ stellt Dichter_innen vor, die in Vergessenheit geraten sind und wieder gelesen werden sollten; selber Ideen? dann schreibt an chrisszalay@gmx.at

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