Zuerst

In by Sophie Reyer2 Comments

Zuerst sind so Menschen in die Zeit hinein gestreut.
Und haben Bindehäute zwischen den Händen.
Und glätten einander die Gesichter.
Und ihre Finger umstricken einander, sind Halteseile.
Und sie hören den lispelnden Himmeln zu.
Und entsteigen dem Schweigen manchmal.
Und machen sich auf am Morgen.
Und wissen: Als außen und innen sind sie ineinander verklammert.
Und die Jungen ziehen den Alten die Jalousien ihrer laschen Haut zu.
Und wohnen in den Falten der Alten.
Und die Menschen legen ihre Ritzen ineinander und legen sich gegenseitig schlafen.
Und der Atem des einen ist die Schaukel des Anderen.
Und sie wissen, dass die Toten sich auffächern in ihnen.
Und sie spielen miteinander Vater Mutter Kind.
Und sie wechseln die Rollen.
Und sie rollen über die Hügel der Momente.
Und sie takten einander die Zeit.
Und sie schlüpfen in die Stillen.
Und die Lichter gelieren ihnen die Haare.
Und sie wissen nichts anders als das: Gestuft sein.
Sie fallen zwischen die Spalten der Zeit.
Und sie haben immer die Engels Segel im Kopf, diese schrecklichen Schatten.
Und sie wissen: Gestern hat die Stadt gesungen.
Und morgen wird wieder Mittagessen sein.
Und wenn die Nacht herankriecht, ist der Schlaf eine Koje.
Und sie geben einander Wörter: Ehrenwörter, Sonnenwörter. Gebogene und gebongte.
Bunte, bucklige, gestrickte Wörter. Und karo- gemusterte Wörter. Gemolkene und
milchige.
Zum Frühstück schenken sie einander Lispel Gras und andere Wucherungen.
Und das Aufknacken der Momente ist nicht mühsam.
Und die Drehleier der Gedanken wird ausgelacht.
So sind diese Menschen in eine Zeit hinein gestreut, die leuchtet.

Comments

  1. In den ersten Zeilen, die ja tatsächlich wie Stufen aneinander anliegen, ist es ein wirklich beeindruckender Text. Dazu trägt auch das Timbre bei, das sehr gut zwischen sanft und einer leichten Form von Apathie angelegt ist.

    „Und der Atem des einen ist die Schaukel des anderen“ Eine sehr gelungene Wendung!

    „Und die Lichter gelieren ihnen die Haare“ Das wiederum sticht etwas zu bizarr heraus aus dem sonst so versierten (sorgfältigen) Gang des Gedichtes. Etwas zu bravourös sozusagen, zu deutlich eine Metapher, was in den Zeilen davor so gut vermieden wurde.

    Gegen Ende (etwa ab der Koje, die noch sehr passend ist) löst sich der Text etwas in einer Überzahl, einem lauter werden, auf. Das „Aufknacken der Momente“ erdet es dann wieder etwas, bringt wieder den anfnglichen Ton herein.

    Gern gelesen
    T.

  2. Timo lieber, merci für die fundierte AntwortsAnalyse! Herzlichst eine S

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