wer weiß

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du hast meine tage
in den bach geworfen wie eine handvoll
toter ameisen
millionen sonntage hat es gedauert
bis sie flüssig geworden sind
die kinder aus den hochhäusern
kehrten hier hin zurück
auf stelzen
trauten sich nicht
diese tage zu schöpfen
zu trinken (daran zu ertrinken)
es rauschte leise wie das meer
an der steilküste des gefühls
ein anderer zu sein
in einem anderen körper
um die schlangenhaut abzustreifen
die windküsse verhindert
dieses rauschen
unsere ersten wortversuche
nachdem die wolken
über der kriche
zu sprechen begannen
spulten wir auf eine alte kassette
überspulten die gebete
die du gleich wieder vergessen hattest
weil du wußtest
dass sie geteerte möwen waren
die sich ihre zarten flügel
an der unsichtbaren betonschicht
des himmels brachen
heute noch
hier auf dem sonnenverschwommenen grund
des leeren schwimmbeckens
fragst du dich wessen zunge sie im schnabel
verkeilt hielten und über die dampfende erde trugen
deine oder meine?
immer wieder stellst du fest: unsere körper
sind irrenanstalten aus denen leicht zu fliehen ist
hier liegen wir gern: unter den uralten apfelbäumen
in denen die namen unserer ahnen geritzt sind
mit einem cutter schneiden wir uns
die mythologischen bilder aus den fresken
von den rissigen schädeldecken
hier lernt die sonne wieder
tief in unseren erinnerungen zu tauchen
schiffsbrüchige versunkene gedichte
vom grund zu ziehen
auf die insel die nicht verzeichnet ist
im atlas des glücks
wo affenmenschen
wie du und ich
wind und nebel essen
wieder im leeren schwimmbecken
entdecken wir
dass uns jemand ein totes pony
vor die blutigen füße geworfen hat
wir gehen im kreis
um diesen heiligen kadaver
der zukunft
und streicheln den toten torso
noch immer wie ein haustier
ihm einen namen zu geben wäre zu viel
wir fragen uns seit einigen schweigesekunden
wer dem jungpferd eine spieluhr unter die haut
neben das kalte herz gepflanzt hat
wir vermuten dass dieser jemand
von dem wir denken
es könnte ein architekt sein
der stahlgerüste um meine hände baut
der kupferdraht um meiner finger wickelt
wenn ich das gedicht anfasse
könnte ich sterben am stromschlag
ein architekt der pferde tötet
um tausend pferdeaugen in eine fassade
einzumauern, ein architekt
von hochhäusern mittem in einem wort
in dem wir wohnen können
wenn wir versprechen nach einem tag
aus dem fenster zu springen
es ist zum russisch roulette spielen
der revolver liegt schon in der mitte des glastischs
fragst du dich wessen zunge die möwen im schnabel
verkeilt hielten und über die dampfende erde trugen
deine oder meine?
in alten fabriken halten schamenen
ihre sitzungen ab und kommen als menschen
ohne erinnerung wieder heraus
wir schütteln ihnen die hände und heißen sie
willkommen im land des mimikloslernens
im land des versvergessens
im land der unbegrenzten sehnsucht
(die ein langer draht ist den wir zu einem zaun
flechten, damit keiner die blumen des bösen
anrührt im garten der dichter, auf den friedhöfen
und auf den hohen balkonen)
im land der abgeschnittenen ohren
die wir essen auch wenn sie uns nicht schmecken
die geheimnisse die in den muscheln liegen
schmecken nach küssen
im land fkk gedichte
(WO IST DER ATLAS DES GLÜCKS? WO SIND DIE AFFENMENSCHEN
IM GEDICHT?)
wo ist das und-obich-wandre-in-der-einsamkeit-dieser-zeilen
ich-fürchte-kein-unglück-denn-du-bist-bei-mir-gedicht?
wo ist das gedicht mit der klingel ohne namensschild
das gedicht ist müde vom gedichtsein
(warum fängt keiner mehr aale
und schießt fotos von diesen vertrockneten
schwarzen strichen unter den rippen
der ausgeschlachteten kirche?)
im land der sonnenuhren
die nicht funktionieren weil die sezierte
sonne der dichtung
von gierigen affen gefressen wurde
(sie greifen immernoch so gierig danach
auf ihren wolken, eingesperrt in käfigen)
ich will kein gegengift
wenn die schlange aus deinem hals mich beißt, vater
ich will deine herbstliche trostlosigkeit mit einem löffel
aus deinem auge essen, mutter
ich will die endlose hoffnung deiner kokonträume
noch schmetterlinge zu werden von der haut schaben
wie kerzenwachs an dem du dich einst verbrannt hast, schwester
wo ist die musik der märtyrer die jedes wort platzen lässt
wie überreife sommerkirschen
auf das weiße kleid meines schweigens?
die tarantula die aus deinem mund kriecht
entrinkt in meinem mäandernden stimmfluss
der durch die gehirne der tagträumer und tellerwäscher
fließt und eine grenze bildet zwischen kindern
die nun mit ferngesteuerten gefühlsmaschinen
luftschlachten austragen, der gewinner bekommt
eine mutter
wird getauft
und darf schwimmen lernen
um auf die andere seite zu kommen
um wirklich zu töten
wer ist dieser andere? vermutlich der architekt
aus diesem gedicht und tatsächtlich:
wir finden tote ponys in seinem stall
das sezierbesteck liegt bereit
spieluhren, zeitbomben, gedichte
spiegelscherben, kleine zeichnungen
von einem gott der wieder die schablone
des neuen menschen wird (OSIRIS), bandwürmer
aus den körpern eurer gedichte, sogenannte dichter
sogenannte eltern, sogenannte architekten, wie dieser hier,
der all dies in die toten ausgemergelten körper
der ponys pflanzen möchte: das ist sein lebenswerk, das ist
unser neues gesetz. und mitten in diesem gedicht könnte ein sonett
stehen, ein liebesgedicht, eine insel auf der wir über eine möglichkeit
zur lebensverlängerung nachdenken: unter palmen essen wir die heilige nacht
mit den bloßen händen die es garnicht mehr gewohnt sind anzufassen
die nacht ist das wilde tier, das wir erspeert haben vor so vielen jahren, jetzt
versuchen wir dieses verwesene tier zu essen, zu fressen, uns zurückzuverwandeln
in urmenschen die nichts kennen als eine welt der brutalität (im grunde könnten wir
den elektrischen stuhl wieder einführen im gedicht, es war alles noch so schön
als man noch zum tod verurteilt wurde, man durfte auf dem elektrischen stuhl
des gedichts sterben!) mit megaphonen stehen sie
vorm leeren schwimmbecken und befehlen uns STREICHELT DAS TOTE PONY!
sie tragen tauchanzüge und beißen sich die lippen blutig weil sie es so geil finden
STREICHELT DAS TOTE PONY! du vermutest das tote pony sei eine metapher
der ungewissheit über die sterblichkeit der eigenen verse
die wir so mühsam aus unserer kindheit gehievt haben, ein klavier
das man auch unterwasser spielen kann. ich frage mich
(das ist noch erlaubt?) wie das noch gehen soll? wo die gerichtshöfe
doch beschlossen haben allen die hände abzuhaken die ein gedicht anfassen
wie eine frau (pass auf! dir läuft die zeilenschminke die wange herunter, warum
weinst du denn? hier hast du eine fußnagelschere, eine perücke, komm pünktlich
ins gedicht und geh pünktlich wieder, lass nichts zurück und vergiss nicht
wenn du ins leere schwimmbecken fällst – ins gedicht? – das pony zu streicheln, sonst
setzen sie dich noch auf einen elektrischen stuhl, haken sie dir die hände ab)
wer weiß noch warum die wale ausgerechnet auf meiner zunge stranden
die harpunen stecken noch, ich weiß nicht mehr ob ich eine geworfen habe
seit sie mir beigebracht haben zu vergessen. wer füttert diese kolosse
mit seinen alpträumen bis das meer sie zurückholt? wer weiß noch warum die sterne
über deinen kopf krabbeln wie hell leuchtende ameisen? wer weiß noch wo
man afrikanische masken kaufen kann für die zeremonie der wiedergeburt,
meiner wiedergeburt (ich werde als dichter wiedergeboren nicht als affe, nicht als
osiris, nicht als architekt! nicht als ich sondern als jeder der ich sein könnte!) wer weiß
noch warum die ameisen die schwere blickfrucht zurücktragen in die unsichtbarkeit? wer
weiß das ICH sie vorher entkernt, entsäftet und zum trocknen in die höhle
meines gedichts gehängt habe? nur um sie dir auf den kopf zu legen!
wer weiß wie man eine urne schnitzt aus dem holzklotz der ich-traue-mich-nicht
-getauft-zu-werden-und-halte-winterschlaf-im-segelflug-der-schießtaube-schweige-
sekunden? wer weiß wie man meine seele mit dem käseraspler aus eurem falschen
wortstahl darein siebt? (ich habe es wieder vergessen, ich war beschäftigt mit
der architektur einer gedichtkirche) wer weiß wie man von der brücke springt
ohne ein vogel zu werden? wer weiß warum ich jetzt dieses gedicht schreibe
ohne darin zu sterben? wer weiß

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