Grazia

In by Lea Schlenker0 Comments

Zwei Versionen von mir
Sind in einem Spiegel gefangen
Eine schaut nach links
Eine schaut nach rechts

Ich weiss welche davon ich bin
Aber wer ist die andere?
Ich möchte sie berühren
Möchte sie umarmen
Aber sie dreht sich von mir
Und wenn ich den Arm hebe ist sie weg

Der Wind heult so laut
Dass ich angst habe sie wird erschrecken
Und sich ganz von mir abwenden
In ihr Versteck zurück oder
Woher auch immer sie gekommen ist

Ich mache mir Sorgen
Dass sie sich einsam fühlt
Ich könnte es verstehen
Wie lange ist sie schon in meinem Spiegel
Ohne dass ich sie bemerkt habe?

Wie lange ist sie schon im Spiegel
Sieht mich vorwurfsvoll an wenn ich fremdgehe
Sieht mich mitleidig an wenn ich an mir selbst verzweifle
Sieht mich traurig an weil ich nie nach ihrem Rat frage?

Und dann will ich einmal nach Rat fragen
Und drehe mich um
Öffne den Mund
Sie starrt mir leerem Blick
Und weit aufgerissenen Augen

So will ich sie nicht sehen
Und auch nicht mit ihr reden
Mir Sachen anhören, die ich nicht hören will
Ich ertrage es nicht, ich ertrage das nicht!

Dann lacht sie mich aus
Und sagt
Wenn du ein besserer Mensch wärst
Dann hättest du nichts zu ertragen
Ich müsste nicht hier sein
Und du müsstest nicht mehr alleine sein

Ich schneide mich an den Scherben
Betrete vierzehn Tage lang nicht mehr das Badezimmer
Wenn ich jetzt in den Spiegel schaue
Sehe ich
Blaue Augen
Und sonst nichts

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