DIE FLIEGEN

In by Moritz Gause3 Comments

– für Clemens Kindermann

Die Fliegen tanzen ungarisch Ballett
auf meinem Blatt auf dem Asphalt
zwei hastige verhuschte Schatten

die jagen Schwalbenschemen
um hingestreckte Höfe unter Himmel
den nur der Takt ergrauter Schindeln wellt

Comments

  1. Erstmal eine Frage: Ist ungarisches Ballett ein besonderes?

    Dann würde ich zwischen „Blatt“ und „auf dem Asphalt“ vielleicht doch noch etwas setzen (vielleicht auch nur eine zusätzliche Leerzeile). Ich persönlich habe irgendwie das Gefühl, dass der Weg von Blatt zu Asphalt im Kopf irgendwie noch zu weit ist (wenn du verstehst, was ich meine) und da es ja eigentlich um Fliegen geht, die zwar eine schnelle Bewegung draufhaben, aber keinen plötzliche Sprung und denen eine Überblendung auch eher fern ist, weil man ihnen eigentlich ständig folgt, wäre da vielleicht eine Verbindung besser – nur eine Idee, die mir beim Lesen kam.

    Hastig verhuscht ist vielleicht ein wenig zu „überhastet“, weil ja doppelt betont? Passt natürlich gut zu Schatten, aber sieht man Fliegen wirklich die Schatten – sieht man sie dann nicht eigentlich auch immer selbst? Wobei das dann natürlich ein sehr interessantes Bild ist, von den Fliegen, die nur Schatten sind. Vielleicht ist diese doppelte Betonung von daher doppelt wichtig…

    Die letzten drei Zeilen sind ziemlich gut (gerade das Ende!). Vielleicht sollte man „in hingestreckten Höfen“ sagen? Das hat mehr etwas von Nähe und der Bruch, der dann durch das Rauszoomen, den Blick auf die Schindeln, passiert, ist klarer. Soll es eigentlich „unter Himmel“ heißen oder „unterm“?

    Bei all dem – vielleicht geht es ja in deinem Gedicht auch um ganz andere Dinge, die nach ganz anderen Faktoren ausgerichtet sind. Dann nimm es als eingeschränkten Eindruck meinerseits.

    LG
    T.

  2. Moritz Gause Author

    Bitte, lieber Timo,

    verzeih, dass es jetzt doch, nicht wie Dir ursprünglich zugesichert, ein Weilchen länger gedauert hat.

    Zunächst einmal: Das Gedicht ist das erste in einem Zyklus von Gedichten, die alle in Illmitz, einer kleinen Stadt im Seewinkel, entstaden sind. Der Zyklus trägt den Namen „Das Geheimnis meines Zimmers ist der Fluchtweg nach Balkanien“.

    Das ungarische Ballett ist in sofern ein besonderes, da ich es nur durch diese beiden Fliegen im Juli diesen Jahres getanzt gesehen habe, in einer engen, staubigen Gasse im Seewinkel. Vor mir saß, im harten, dem Seewinkel wohl eigenen Sonnenlicht, ein Maler; in der einen Hand den Pinsel, in der anderen eine Dose Bier. Dieses hatte er kurz zuvor seinem schwarzen Golf entnommen, es war also gut temperiert. Mir hatte er eines angeboten, und ich freudig zugegriffen. Die Aufgabe, die ich mir gestellt hatte, war, auf sein Bild, das er von der Gasse malte, zu antworten, und ich suchte also nach dem, was das Bild uns vorenthielt.

    Manche Straßen und Gassen in Illmitz sind richtig hübsch und adrett, es gibt dort herausgeputzte, sauber gestrichene Häuser mit modernen Doppelglasfenstern und Solarpanelen auf den Ziegeldächern. In anderen Gassen fühlt man sich in einer anderen Zeit, in einem südöstlicheren Land. Das war eine schöne Spannung. Meine Gedichte spüren eher der zweiten Stimmung nach. Es war mir wichtig, dem adretten Ferienidyll etwas ehrliches entgegenzusetzen. Soviel voraus.

    Deine Fragen haben mich sehr intensiv über die Entscheidungen nachdenken lassen, die ich im Sommer getroffen habe. Also zunächst die Streichung des Kommas zwischen „Blatt“ und „auf dem Asphalt“, und ich habe mich für die Sprunghaftigkeit entschieden, die auch die Dopplung im dritten Vers betrifft und von dieser verstärkt wird. Die Wörter tanzen an dieser Stelle mit den Fliegen(-schatten).

    Ganz wichtig ist es mir, am Bild des Malers zu bleiben (ich werde ihn die Tage mal fragen, ob ich es irgendwie verlinken darf — diese Abbildung trifft nämlich absolut nicht die Farbigkeit, und damit auch nicht die Stimmung des Bildes. Hier siehts kitschig aus. Und das ist es nicht…

    Daher muss das Gedicht in der Gasse bleiben, auch weil die Höfe ganz anders sind, nicht staubig und heiß und asphaltiert, sondern, zumindest die, in denen ich sein durfte, lind und frisch und grün. Und der Himmel ist doch ein ganz besonderer, eben dieser durch die Schindeln rhythmisierte Himmel, kein üblicher.

    Vielen Dank für Deine Anmerkungen, das war, glaube ich, gut, über die Entscheidungen nochmals reflektieren und diese auch öffentlich rechtfertigen zu müssen. Kannst Du mit meiner Erwiederung etwas anfangen?

    Liebe Grüße,
    moritz

    PS: Ich hoffe, die html-codes funktionieren jetzt auch… ansonsten müsste ich wohl den Kommentar umformatieren.

  3. Lieber Moritz,

    das macht überhaupt nichts. Ja, deine Erwiderung, aber auch meine eigene zweite Lektüre, haben viele meiner Ansichten revidiert. Wie konnte ich dir nur vorschlagen, zwischen die beiden Sätze noch irgendetwas zu setzen – die ersten drei Zeilen leben ja gerade davon!

    Deine Ausführung geben dem Gedicht natürlich nochmal eine erweiterte Perspektive – es wird jetzt auch interessant sein, einmal den ganzen Zyklus zu lesen. Also: vielen Dank, dass du dir die Mühe gemacht hast, mich so umfassend am Entstehungsprozess und Hintergrund des Gedichtes teilhaben zu lassen.

    Rein vom Klang her tue ich mich immer noch mit dem Übergang zwischen den beiden Strophen schwer… es ist eine so plötzliche Erweiterung des Raums. Aber das ist nur ein Eindruck, keine Kritik und irgendwie ist es auch beeindruckend und hält den Leser an, aufzupassen.

    Das „um“ vor den Schwalben empfinde ich immer noch als schwierig, weil es so vage ist… Mein Vorschlag „in“ war völlig blödsinnig, entschuldige… aber, um gleich den nächsten blöden Vorschlag zu machen, wie wäre es mit „abseits“ (oder „über“)?
    Auch die grammatikalische Konstruktion mit Himmel habe ich noch nicht ganz verstanden: müsste es nicht heißen: „unter himmel/ DIE nur der Takt ergrauter Schindeln wellt“? Vielleicht lese ich gerade einfach da Ganze nicht richtig.

    Wie gesagt, das waren nur letzte Gedanken, kein erneuter Versuch einer Kritik und du musst auch nicht mehr auf alles eingehen, wenn du nicht willst. Es hat mich gefreut, mit dir über dieses Gedicht zu sprechen! Vielleicht kann ich mich irgendwann revanchieren.

    Lieben Gruß
    Timo

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