Über Joseph Brodsky

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Einführung

Als 1996, mit gerade einmal 55 Jahren, Joseph Brodsky starb, verlor die Welt nicht nur einen Nobelpreisträger (*1987) und bekannten Exilanten der ehem. Sowjetunion, sondern auch einen bedeutenden Lyriker und Verteidiger der Poesie. Es mag wie eine Podesterrichtung wirken, diesen Satz direkt an den Anfang des Textes zu stellen, doch er ist lediglich Ausdruck der großen Bewunderung, die ich diesem Mann, seinem Idealismus, seiner Intelligenz und seiner Kunst entgegenbringe.

Nur wenige Literaten und Kulturangestellte können heute noch als „Verteidiger der Poesie“ gelten; gerade in Deutschland ist der Sing-Sang von der immensen Wichtigkeit der Lyrik, in dessen Folge sich kein für Gedichte begeistertes Publikum, sondern eine elitäre Dichtergilde gebildet hat, eher eine Art Omen anrufen, als ein wahrhaftiges, inniges Bekenntnis zur Kraft jener unwillkürlichsten aller literarischen Formen. Was Ausnahmen nicht in Abrede stellen soll, aber es bleibt dabei, dass ein aktives, offenes und gelungenes Werben FÜR die Lyrik (während das Streiten über die richtige Art VON Lyrik Hochkonjunktur hat) Seltenheitswert besitzt.

Wislawa Szymborska, Nobelpreisträgerin von 1996, sprach in ihrer Preisträgerrede von einer ebensolchen Schwierigkeit, heute den Beruf des Dichters überhaupt auszuüben und den hohen Anspruch des Titels zu rechtfertigen. Es gäbe ja, sagte sie, keine Bescheinigung, keine amtliche Urkunde für diesen Titel. Dementsprechend würde niemand, nicht einmal die Dichter selber, das Wort gerne benutzen.

Doch sie erwähnte auch eine Ausnahme: Brodsky, der keine Probleme damit hatte, sich als Dichter zu bezeichnen – ja, sogar ohne Hemmungen auf diesem Wort bestand.

Auch darin liegt, ohne ihn über das angemessene Maß hinaus rühmen zu wollen, ein Teil seiner großen literarischen Faszination: als einer der letzten großen Dichter war er sich der Problematiken sowohl der Lyrik, als auch des polit. Engagements und vieler anderer Ambivalenzen der Moderne bewusst (und er geizte nicht mit lakonischen Eingeständnissen und realistisch-zynischen Ansichten) – er bekämpfte jedoch diese Dinge mit Beispielen für das gelungene Gegenteil, anstatt sich Abzuwenden und dem Fatalismus oder Opportunismus zu verfallen.

Das Werk Brodsky als einen wichtigen Beitrag zur Literatur des 20. Jahrhunderts pro forma anzuerkennen ist die eine Sache, seinen Kenntnisreichtum und seinen Geist wirklich kennen zu lernen, eine andere. Ich kann hier niemandem eine Kirche in den Glauben tragen, möchte aber dennoch versuchen, ein Streiflicht auf die Aspekte dieses Werkes zu werfen, das zu lesen ich nur jedem empfehlen kann. Für mich gehört es zu einer der großen Erfahrungen von engagierter, moderner, bereichernder Literatur.

 

Teil I: Der Essayist

 

„Die Menschen sind füreinander geboren, also belehre oder ertrage sie.“ (Eines von Brodskys Lieblingszitaten von Marc Aurel)

Viel ist man heute daran interessiert, Dichtung zu rechtfertigen; meist mehr mit intellektuellen Argumenten, als mit Begeisterung. Lesen tun sie nur sehr wenige Menschen und die Hälfte davon ist auch eher daran interessiert, sie akademisch zu deuten und zu erden; sie einzufahren wie Korn, um dann die prallen Getreidesilos als Unterbau einer bestimmten Geisteshaltung zu verwenden. Keine idealen Vorraussetzungen.

Die Dichtung selbst hat einen gewissen Gefallen an ihrer Außenseiterrolle gefunden und teilweise einen gewissen Anspruch daraus gemacht. Damit geht auch teilweise einher, dass ein publikumsfernerer Erlebnishorizont geschaffen wird.

Manche werden sagen, dass dies die endgültige Erfüllung der Lyrik, manche, dass es ihr Ende ist. Ich möchte mich keiner der beiden Seiten anschließen und auch nicht die mindere Relevanz dieser Frage bestreiten. Tatsache ist, dass die Lyrik ein bisschen verlernt hat, ihre Vorzüge herauszukehren, auf ihre Möglichkeiten hinzuweisen.

Nicht, dass sie es unbedingt nötig hätte – aber schaden würde es auch nicht.

 „Ein Gedicht sagt seinem Leser gewissermaßen: Sei wie ich. Und im Augenblick des Lesens wird er zu dem, was er liest, er wird zu dem Sprachzustand, der ein Gedicht ist, und dessen Epiphanie [unvermutete Erscheinung] oder Offenbarung sind die seine. Sie sind immer noch seine, wenn er das Buch schließt, da er nicht in den Zustand davor zurückfallen kann.“ („Von Schmerz und Vernunft – Über Hardy, Rilke, Frost u.a.“, Seite 268)

Brodsky verstand es sehr gut, in seinen Essays die Kraft von Dichtung, poetischen Ideen und lyrischen Strukturen herauszukehren, auf nachvollziehbare und kluge Weise, und die Faszination in den Erscheinungen von Metapher, Reim, Wendung und Syntax zu veranschaulichen. Über Gedichte zu schreiben ist zumeist eine windige und geradezu durch die Tautologie bedingte Tätigkeit – und doch liegt in ihr auch die Chance auf eine Erweiterung (oder, spiritueller: Erweckung) vorhandener lyrischer Kapazitäten – wie man in Brodskys Texten immer wieder sehen kann.

Eine Anleitung zum Lesen von Gedichten ist, wenn man es klug anstellt, keine Bevormundung, sondern das Aufstoßen der Tür zu einer Welt, die man dann selbst durchwandern kann. Stellen sie sich vor sie lesen ein Gedicht, aber es ist auf den ersten Blick bloß eine leicht anklingende Wortkonstruktion – und dann, nach dem Lesen von Brodskys filigranen Betrachtungen, mit all ihren kleinen Anstößen, begreifen sie ein Gedicht wieder neu als Ursprung einer wortsinnlichen und bedeutungsbeseelten Erfahrung, mit zahlreichen kleinen Facetten von Sprache, Historie und Idee; erkennen einzelne Zeilen als die Kunstwerke an, die sie sind. Und die Botschaft als eine Kontur mit übergreifender, tiefschürfender Ambivalenz.

Es kann von mir allein vielleicht nie ganz deutlich gemacht werden, mit welcher langsam sich einstellenden Begeisterung das Lesen der Essays von Brodsky einhergeht, aber es ist eigentlich das nachhaltigste Gefühl am Ende seiner Texte – eine Begeisterung, gepaart mit Bewunderung und dem Gefühl, nun selbst das besprochene Gedicht, das besprochene Thema, auf einer ganz neuen Ebene zu verstehen.

Der große Baratynskij charakterisierte seine Muse, indem er ihr ein „unverwechselbares Gesicht“ andichtete. Im Erwerb dieses unverwechselbaren Gesichts liegt der Sinn der menschlichen Existenz, denn für dieses Unverwechselbare hat die Natur den Menschen genetisch vorprogrammiert. Unabhängig davon, ob einer Leser oder Schriftsteller ist, hat er zu allererst die Pflicht, ein Leben zu meistern, das nur ihm gehört, und das ihm nicht aufoktroyiert oder von außen vorgeschrieben worden ist, auch wenn es noch so glänzend erscheint. Denn jeder von uns hat nur dieses eine Leben, und wir wissen nur zu gut, wie es ausgehen wird. Es wäre deshalb unverzeihlich, die einmalige Chance zu vergeuden, um [stattdessen] in eine andere Rolle zu schlüpfen, fremde Erfahrungen zu übernehmen und quasi als Tautologie zu leben.“ – Zitat aus der Nobelpreisrede

Das Wort „moralisch“ hat, ebenso wie das Wort „Instanz“, nicht selten einen üblen Beigeschmack und während ersteres heute häufiger mit Spott, denn im Ernst ausgesprochen wird, steht letzteres im Bewusstsein der meisten Menschen für eine (konservative) Positionierung mit dogmatischer Ausrichtung – also etwas, das einen undefinierbaren Wert hat und allerhöchstens Stabilität gewährleistet.

Dass eine moralische Instanz auch ein zutiefst menschliches Erlebnis sein kann und einhergeht mit einer Synthese aus Hoffnung, Erkenntnis, Gelehrsamkeit und Engagement, dabei Wandelbarkeit und Schönheit einschließt, ist eine Erfahrung, die man in den Texten Brodskys ebenfalls machen kann. Wobei moralische Instanz vielleicht schon wieder ein zu großer Begriff ist. Es ist mehr so, dass die humanistische Idee Brodskys Texte durchdrungen hat und in zahlreichen Rückständen enthalten ist – funkelnde Rückstände von Moral, Überzeugung und Zweifel.

Als moralische Rückversicherung ist die Literatur zuverlässiger als ein Glaubenssystem oder eine philosophische Doktrin. […] Ich möchte hinzufügen, dass ich davon überzeugt bin – leider nicht empirisch, nur theoretisch – dass es für einen, der Charles Dickens gelesen hat, problematischer ist, seine Mitmenschen im Namen einer Idee zu töten, als für einen anderen, der nichts von Charles Dickens gelesen hat.“ (Aus: „Flucht aus Byzanz“)

Was ist ein Essay? Im besten Fall die oberflächlich komplexeste und weit verzweigteste Form von Literatur, die wir kennen. Beschreibend und erforschend ist der Essay gleichsam erklärend, weil eine Form der sachlichen Literatur, aber auch erzählend und erfindend, in jedem einzelnen seiner Worte, welches zu erklären sucht. Die wichtigste Eigenschaft eines Essays jedoch ist eine, die sich nur ganz schwer beschreiben lässt und deren beste wörtlich Entsprechung in diesem Zusammenhang abstrakt anmuten mag: denkend. Die besten Essays sind (Selbst-)Übungen im Denken; im Verbinden von Gedanken und Wirklichkeit zu einem einzelnen, literarischen, Gefüge.

Brodsky Essays sind denkende Gebilde, wie ich sie bisher sonst nur bei Jorge Luis Borges erlebt habe. Ihre Struktur hat zwar einen klaren Ausgangspunkt und einen ebenso handlichen Wirkungsbogen, eine die Atmosphäre bestimmende Dichte, aber darüber hinaus wird mehr in ihnen aufgeworfen und begraben, als ein einzelne Einschätzung erkennen könnte – was bedeutet, dass man sie häufig auch mehrmals lesen kann  und immer wieder mit einem neu gewonnenen Aspekt die Lektüre beendet. Egal ob es eine nebenbei gemachte Bemerkung oder eine Ausführung zum großen Ganzen ist – immer haben die Texte die Tendenz eine geistige Beschleunigung beim Leser auszulösen – eine Nachhaltigkeit von literarischer Erfahrung, die mit wenig vergleichbar ist; weil sie so oft zu einem kleinen Satz, einer geradezu spärlichen Erkenntnis führen, die doch auf ihre Art vollkommen ist.

Die ewige Stadt gleicht einem riesigen alten Gehirn, das vor langer Zeit jedes Interesse an der Welt – als etwas zu leicht Fasslichem – verloren hat und sich nur noch seinen eigenen Rissen und Falten widmet. Während man sich durch seine Engstellen kämpft, wo schon der Gedanke an einen selbst zu beschwerlich ist, oder über die offenen Flächen, wo das Universum schon als Plan belanglos erscheint, fühlt man sich wie einen abgenutzte Nadel, die die Rillen einer ungeheuren Schallplatte abfährt, zur Mitte und wieder zurück, und ihr mit den Sohlen die Melodie entlockt, die die Tage von einst der Gegenwart zusummen. Es ist das wahre His Master’s Voice und verwandelt einem das Herz in einen Hund. Geschichte ist kein Lehrfach, sondern etwas, das einem nicht gehört – was die wesentliche Definition von Schönheit ist.“ (Aus einer Hommage an Marc Aurel und einer Betrachtung der Antike und der Stadt Rom. Aus: „Der Sterbliche Dichter“)

Dann natürlich auch noch die sprachlichen Qualitäten, die ebenfalls bemerkenswert sind – im Wortschatz, in den übergreifenden Satzfolgen, die wie ein genau ins Verständis passendes Gefüge ineinander greifen – im ganzen Ton, der nie über sein Ziel hinausschießt, bedächtig und allein durch die Erkenntnisdichte nachdrücklich. Stets voller neuer Ansätze und ebenso vieler fester Grundsätze, passt sich seine Argumentation gestalterisch an die atmosphärische Idee des Themas an, seine essayistische Sprache nimmt jede noch so scharfe Kurve mit Gewinn.

Sicher könnte man eine Relation herstellen zwischen der Kleinheit des Details und der Intensität der ihm gewidmeten Aufmerksamkeit, wie auch zwischen dieser und der eigenen geistigen Leistung, weil ein Gedicht – jedes Gedicht gleich welchen Themas – an sich ein Akt der Liebe ist, weniger der des Autors zu seinem Thema als der Sprache zu einem Stück Wirklichkeit. Wenn oft ein Hauch Elegie, ein Mitleidston anklingen, dann weil es die Liebe des Größeren zum Kleineren, des Dauernden zum Flüchtigen ist.“ (Aus: „Der sterbliche Dichter“)

Brodsky ist auch als Essayist oft noch ganz Dichter – nicht so sehr im poetischen Sinne, aber – wie der Textausschnitt oben anklingen lässt – in der Art wie er an seine Themen herangeht: nie zu schnell, prägnant, leicht virtuos, filigran und mit einem Zug zur Tiefe und zum resignativ-hoffnungsvollen Duktus, der bevorzugten Stimme der Elegie. Gerade deshalb ist seine Essayistik, die eine solche Fülle an gelungenen Geschichten, Sentenzen und Betrachtungen enthält, keine einfache Lektüre. Es ist Meisterschaft und die ist in der Literatur immer ein wenig zu groß, als das man alles darin auf einen Blick fassen könnte. Trotzdem sind seine Texte oft auf sehr natürliche Art intelligent, da sie das Angenehme und die Klarheit im Fluss der Wörter nie gänzlich aussparen, sodass man ihnen weder Abstraktion, noch offensichtliche, von oben herab gesprochene Belehrung vorwerfen kann. Literatur mit Anspruch, aber ohne elitäre Zäune.

Tragödien sind das bevorzugte Genre der Geschichte. Besäße die Literatur nicht die ihr eigene Spannkraft, würden wir nie etwas anderes gekannt haben. Tatsächlich ist es ein Akt der Selbsterhaltung von Seiten der Prosa, wenn sie einen Komödie oder einen Schlüsselroman hervorbringt.“ (Aus „Flucht aus Byzanz“)

Literatur ist nicht nur eine Art, die Andeutungen, Ideen und Mechanismen der Welt nicht im Zeitraffer, sondern im Rahmen einer gestaltbaren Geschichte zu erleben, sondern auch die Aufhebung jeder totalitären Idee. Denn wenn ein Roman gut ist, zeigt er nicht allein Gut und Böse, richtig und falsch, sondern bricht die Konzepte auf; wenn ein Gedicht gut ist, zeigt es nicht nur Schönheit, sondern auch Nachdenklichkeit, Ansätze und Widersprüche, Fehl und Flüchtigkeit. Gute Literatur ist immer ein Spiegel, ein Weg in die Reflexion; ist immer eine Schilderung, deren Wertung uns allein obliegt (oder, wenn wir klug genug sind, es zu erkennen: die niemandem obliegt, weil eine Wertung allein nichts ändert, das Sinnbild des Stillstandes ist). Diese Dimension von Literatur ist nicht die wichtigste, vielleicht nicht einmal die nachhaltigste. Aber dennoch ist sie nicht zu unterschätzen. Brodsky lässt diese Komponente immer wieder durchscheinen.

Wer die Metaphysik eines individuellen Dramas begreift, hat größere Chancen, dem Drama der Geschichte zu trotzen.“ (Aus: „Flucht aus Byzanz“)

Mitten in diesem Essaywerk stehen, das sollte nicht vergessen werden, der Glaube und die Hoffnung. Sie sind umringt von Wissen, Anteilnahme, Gelehrsamkeit, Brillanz und Spott, von Erläuterungen, Darreichungen und Anschaulichkeiten; von Intelligenz und Weisheit; von Lakonie und Warnung. Aber trotz all dem bilden Glaube und Hoffnung das Zentrum. Man spürt sie hinter jeder Analyse, in jeder Herangehensweise. Sie sind das Meer, über das jeder der Texte segelt, egal wohin es geht, ob zur Liebeserklärung oder zur Anklage.

Es ist der Glaube und die Hoffnung, dass wir uns noch genug für das Leben in dieser Welt interessieren, dass wir uns nicht mit der einen Version der Geschichte oder des Fernsehens zufrieden geben, sondern uns eben auf die nahezu unendlichen Versionen der Literatur einlassen – nicht um uns darin, in dieser Ambivalenz, zu verlieren. Sondern um zu erkennen, zu begreifen. – Zu erkennen, dass Menschlichkeit mehr mit Verstehen und Toleranz zu tun hat, als mit Urteil und Strafe. – Zu Begreifen, dass „Richtung“ nicht immer ein Wegweiser, dass „Bezeichnung“ keine Grenze, dass „Schönheit“ kein Konzept, sondern eine konzeptfreie Tatsache ist. Und um herauszufinden, wer wir selbst sind, was die Faszination uns bieten kann.

 „Wenn Kunst die Menschen etwas lehrt, dann, wie Kunst zu werden: nicht wie andere Menschen. Falls die Menschen überhaupt eine Chance haben, etwas anderes als Opfer oder Schurken ihrer Zeit zu werden, besteht sie in der prompten Reaktion auf die Schlusszeilen von Rilkes Archaischem Torso Apollos:

… denn da ist keine Stelle,

die dich nicht sieht. Du musst dein Leben ändern.“

(Ganz unten in der Lektüreliste gehe ich noch einmal kurz auf den Inhalt der einzelnen Essaybände ein.)

 

 

Teil II: Der Dichter

 

„Wir sind zu zweit. Ein Regenguß erkundet
mit weichem Schnabel wie ihm Fenster munden,
und streicht uns dabei sanft aus dieser Gegend.
Du sitzt jetzt reglos.“

In Essays erreichte Brodsky eine sehr hohe Ebene der Kunst, die fast schon als Sinnbild für das Ideal des geistig sensibilisierten, humanistischen und gelehrten Menschen herhalten könnte. Seine Dichtung, die zugleich hochwertig ist, innovativ und doch keine Festlegung zulässt (ausgenommen die Gestalt ihres Autors) hat bis heute eine eher zögerliche Behandlung genossen; auch, weil sie vielfach die dämmrigen Seiten von Brodskys Weltsicht offenbart, sein Exildasein und viele andere Lebensthemen nicht wie in den Essays einfach abhandeln kann, sondern als Erlebnis erspüren muss. Sein Kunstverstand und sein Geist sind auch in diesem Teil seines Werkes wichtige Eckpfeiler, aber ihre Anziehungskraft auf das Zentrum der Texte, den Stil, den Ton, ist begrenzt, wirkt oft weiter entfernt.

Als Brodsky 1972 aus der Sowjetunion (wo er zuvor wegen „Parasitentums“ in ein Gulag gebracht worden war, aus welchem er nur wegen internationaler Proteste freikam) ausgewiesen wurde und in die Vereinigten Staaten kam (wobei man ihm die meisten seiner bis dato verfassten Manuskripte vorher raubte) wurde er für seine Essays umfassend bewundert – seine Lyrik nahm man eher zwiespältig auf. Er  schrieb sie zum Großteil weiterhin auf Russisch – aus Wehmut und Verpflichtung, weil es seine Heimatsprache war, aber auch weil er ihre syntaktischen Feinheiten und ihren Wortschatz, im Bezug auf den lyrischen Gehalt, schätzte.

Aus drei Einflusssphären, der russischen, der mediterran-antiken und der angloamerikanischen, ist seine Dichtung inhaltlich und formell gespeist; das Gedankengut seiner Gedichte sind die Sphären von Ewigkeit und Heimatlosigkeit. Es geht darin vielfach um das Vergehen, die Zeit und ihrer Empfindung im Verhältnis zum Raum – und um ihre Unabwendbarkeit, die ja nicht nur eine Unabwendbarkeit der Zeit selbst ist, sondern das Schicksal von allem, was in ihr geschieht, in ihr lebt, in ihr vergeht. Gerade dieser Aspekt stellt jedoch auch eine der wesentlichen Formen der Schönheit für ihn dar.

„Die Wascherinnen-Brücke, wo wir zwei
den Zeigern glichen eines Zifferblattes
die sich umarmen um Punkt Zwölf bevor
sie sich für Stunden nein! sich dauertrennen
und heute steht auf dieser gleichen Brücke
ein Fischer, leidet ganz wie ein Narziß
und starrt, den Korken hat er längst vergessen
auf sein beweglich vages Spiegelbild.“

„denn die Züge der Zeit, unsichtbar, alles andre als offen,
treten plötzlich heran
in den Dingen, und den Brustraum fühlst
du beengt von Altersfalten; diese Linien, bedaure,
wirst du nicht glätten, sie tauen wie Raureif
wenn du sie kaum berührst.“

Sie ist keine leichte Angelegenheit, diese zyklische und zutiefst elegische Lyrik, die oft etwas von Nachtschwimmen in unbekannten Gewässern hat, in Kanälen einer menschenleeren Stadt – oder etwas von einem Mythos, der sich in den eigenen Gedanken vervielfältigt und verspinnt, ohne dabei die ganze Zeit wirkliches Geschehen abzubilden, sondern vielmehr eine im Ich verortete Gedankenwelt, die am Wirklichen teilnimmt und des dennoch bespricht. Eine Gedankenwelt in der nicht nur das Hier und Jetzt anwesend sind, sondern alle Fäden aus Zeit und Raum, die sich einmal um einen herumgewickelt haben, zusammengeworfen mit den Eindrücken des Jetzt.

Ihrem Wesen nach ist diese Lyrik nicht hermetisch und nicht nur der Ausdruck einer Freude oder eines Leids, eines Moments oder einer Angelegenheit, sondern einer ambivalenten Empfindung, der Empfindung und Erfahrung am Leben zu sein, in welcher poetische Nuancen von zahlreichen Lebenswelten aufblitzen, abgekehrt und gleichzeitig doch dem Leser zugewendet.

„Ich schreckte heute zweimal aus dem Schlaf
und ging ans Fenster, wo die Straßenlampen
den Halbsatz, der im Traum gefallen war,
mit Pünktchen, Pünktchen, Pünktchen weiterspannen,
um auch nicht einen Funken Trost zu lassen.“

„und der Stadt wo keinerlei Spur der Schritt
hinterlässt – wie der Kahn auf all den Wasser-
flächen, und dahinter jeder Raum gefasst in
Ziffern Richtung Nullpunkt blickt
und keine tiefen Spuren lässt auf den Plätzen
die breit sind wie ein >Lebewohl< und in engsten
Gassen schmal wie ein >Ich liebe dich<.“

Zynismus und Zärtlichkeit, beide sind sie wichtig für Brodskys Lyrik, und er hielt sie in dieser Gattung allein für vereinbar; als wäre die Poesie das letzte Schicksal dieser beiden Gefühle. Die biographische Prägung ist der Ausgangspunkt, aber Brodsky entwickelte daraus eine tiefgehende Idee von den Verbindungen zwischen Leid und Sehnsucht, Verschwinden und Dasein. Exil ist für ihn keine Kategorie, keine Marke, sondern ein Gefühl; ein Gefühl, welches seine Dichtung einfangen soll; einfangen kann – einfangen muss.

Ums Exil kreisen daher seine Gedichte, oder, besser gesagt: Die Symbole des Exils und die Stimmungen, die dieser Vorstellung zu Grunde liegen. Wie Legenden hört sich manches an und anderes wie regierender Spott. Zynismus, wegen der weltlichen Verwerfungen, in die Brodsky und viele andere hineingezogen wurden, Zärtlichkeit, weil er die Welt für eine einzigartige Symbiose aus Sein und Nichtsein hielt, für ein Kommen und Gehen in denen der Mensch mehr eine Ahnung sein muss, als eine Tatsache und in dieser Ahnung ein bestimmender Teil des Seins, der einzigartig und kostbar ist; sehr gut zu sehen im ersten der folgenden Zitate, das zu einem der schönsten Stücke in Brodskys lyrischem Werk gehört:

„Stehst du allein auf dem öden Hochland im Lot
unter der abgrundtiefen Kuppel Asiens in deren Bläue ein Pilot
oder Engel bisweilen einen Streifen Stärkemehl hinschickt;
wenn du unwillkürlich zusammenzuckst im Gefühl: bin ich
klein! so erinnere dich dass der Raum der, wie es scheint
nichts und niemanden braucht, gerade in Wirklichkeit
stark den Blick von Außerhalb benötigt, das Leere-Kriterium.
Und diesen Dienst ihm leisten – kannst nur du. Eben darum.“

Dieses „bin ich klein“ und das „eben darum“ sind so etwas wie die inneren Gegensätze seiner Lyrik-Philosophie.

„Und wenn du auf ein Lächeln wartest – ich
werde ja lächeln! Lächeln über sich geht vor
und ist wohl dauerhafter als ein Grab für Morgen
und leichter als der Rauch über dem Ofenrohr.“

„Da steh ich nun im offenen Mantel
und lass die Welt mir durch ein Sieb
des Nichtbegreifens in die Augen fließen.“

Sie ergeht und ereignet sich oft in Wendungen, seine Poesie. Da sind Details, die zusammen geschoben werden und anfangen als schmaler Sinn zu blühen; die einem als erstes auffallen, bevor man sich seine Lyrik tiefer erschließen und auch den übergreifenden Traum seiner Verse deuten kann. Es gibt Kreise, die sich schließen und andere, die sich verbiegen und nicht mehr einrenken lassen und über den Windungen bleibt der Geruch von Versuch und Freiheit.

„Wie eine Zahl im Kopf, seine Spur hinterlassend im Sand,
stapelt sich der Ozean im Dunkeln, jahrmillionenlang
wiegt sein totes Kräuseln einen Span.“

Symbol des Seins (das eigentlich keines ist, sondern mehr ein Werden, das sich an das Sein erinnert) ist für ihn das Meer oder noch genauer: die Welle. Das Leben als eine endlose Welle, die kommt und sich zurückzieht, die dich erklärt und sich dir dann entzieht, die weitergeht und doch niemals zurückkommt, sondern immer neu ist. Dieses Symbol macht seine Gedichte teils traurig, teils schön, teils nicht gänzlich auslotbar, weil ihre Strömung ein ewiges „panta rhei“ ist, das auf den Fluten der Gedichte blitzt.

„Mit der Summe seiner Winkel
überrascht es uns, ohne Tausch –
fällt immerzu das Ding doch
aus unserer Wortwelt heraus.“

Man muss sie schätzen, ja eher schon lieben, diese – nicht zwingend optisch – langen Gedichte, die einem mehr entzogen werden als gegeben, sodass man oft während der Lektüre mehr hat, als danach. Unverwechselbar scheint jede Zeile einem literarisch einwandfreien Gefüge entsprungen, ohne Anspannung, beflissen kryptisch und doch eigentlich, wenn genauer besehen, das ahnende Abbild einer in Worten kaum erfassten Angelegenheit des Lebens, Substanz einer unsichtbaren Regung, die nur kurz wieder entsteht, wenn du an sie erinnert wirst. Der Radar des Lebens übersieht sie meist; wer soll davon wissen?

„Nacht über San Marco. Ein Passant mit zerknittertem
Gesicht vergleichbar in diesem Dunkel mit dem
vom namenlosen Finger abgestreiften Ring kaut
an den Nägeln und schaut umfangen von der Stille
in jenes >Nirgendwohin< wo der Gedanke vielleicht
verweilen kann, die Pupille – kaum.“

Sprachlich ist Brodsky sicherlich einer der forderndsten Dichter überhaupt, was nicht einmal an seiner Gelehrsamkeit oder seinem Wortschatz liegt – vielmehr an seinem Ehrgeiz immer wieder Neues und Alternatives in seine elegischen Töne miteinzubringen; noch mehr Gedanken, noch mehr Gewinn; der Wunsch, die Elegie auf jedes Wort auszuweiten, das ihrem Ton, ihrer Idee dienen kann. Das Einbinden von Mythen, die Erforschung, Erweiterung und gewundene Verlustigung von Sprache, das Einfangen der ziellosen Gedanken, die Aufbereitung eines Moments in metaphysischer Hinsicht, das Aufwärmen einer Erinnerung, das Imitieren und Parodieren durch das Sprachrohr einer Anleihe – alles Themen seiner Verse und doch alle festhaltend an dem eigenen Ton, dieser Wendung, die sich immer dreht, um neue Perspektiven einzufangen, die nicht stillsteht und auch nicht vorprescht; mit dem Ziel beides zu sein: das Licht und das Beleuchtete, immer weiter zu reichen, ohne ganz zu er-reichen. Und zu bestehen, in dem schmalen Raum, den die Zeilen eines Gedichtes, für sich selbst, erschaffen.

„Und in diesem Turm,
dem babylonischen Urenkel, dem Turm der Wörter,
nie vollendet, lass mich kein Dach finden, hörst du,
ich bitte dich drum!“

„Die Liebe ist ein Akt ohne Verbum als letztes.“

Es kommt einem so vor als bewahrten Brodskys Verse gleichsam ein Schweigen und doch unermessliche Schätze. Und wir wissen nicht was von beidem es ist, weil keine Vorgaben gemacht werden und beides im jeweils anderen zu ruhen scheint.

„Ich weiß, dass ich vorm Abgrund steh. Und mein
Bewusstsein kreist gleich einem Schaufelrad
um seine Achse, die unbiegsam ist.“

Und bei all diesem ist seine Lyrik letztendlich auch ein Versuch der Abbildung von Welt als einer Erfahrung, die wir alle, wenn auch oft in unbewussten Momenten verkapselt, bereits erlebt haben oder wenn nicht, dann doch als Existenzzustände erkennen können – nur sind sie eben oft konkav und nicht immer nur an ein äußeres Bild, sondern auch an Prozesse im Innern gekoppelt. Sie gehen über dieses Innere hinaus, in die Spiegel, zwischen die Spiegel, den Horizont nach Erkenntnis filternd – und bleiben, verharren doch darin; verschwinden darin.

Aber dennoch: Es steckt oftmals der Kern einer sehr menschlichen Regung oder Beobachtung in ihnen.

„Wenn ich >>Unendlichkeit<< sage, so meinte ich doch
immer die Kunst ohne Rest einen Liter Wodka
durch drei zu teilen bei Sternenlicht,
und den Überfluss an Distanzen – besser nicht.“

„Ließ in meine Träume das Aug des Wachsoldaten,
fraß das Brot der Fremde und keine Rinde ließ ich.
Erlaubte meinen Stimmbändern alles, bloß keine Klagen.
Ging über ins Flüstern. Nun bin ich vierzig.
Was soll ich denn sagen vom Leben. Es dauert schon lange.
Solidarisch fühle ich mich allein mit dem Kummer.
Doch solange sie mir das Maul nicht mit Lehm vollschlagen,
wird aus ihm nichts als Dankbarkeit kommen.“

Wie beschreiben? Wie beschreiben? Brodskys Worte suchen nach Antworten, aber seine Verse geben sich einfach dem Strom hin, der die Antworten nicht mitnimmt, der nie eine Antwort mitnimmt, den Antworten sind begrenzt, und das Fließen ist unbegrenzt. Darin liegt seine elegische, tiefgreifende Macht; Brodsky verehrte sie und kämpfte doch gegen sie an. Beides zugleich. Seine Gedichte erzählen davon.

„Ein Vers ist zu dem andern wie ein Bruder,
obwohl sie zueinander flüstern: Rück ein wenig.
Doch jeder ist soweit vom Himmelstor entfernt,
so arm, so dicht, so rein, dass – Einigkeit sie füllt.“

Dankbarkeit, Demut und Wachsamkeit, Verhängnis, dünn, und das Greifen nach den Glauben, sie alle haben ihren dünnen Stand in den Texten. Doch nirgendwo, und das ist vielleicht das Bemerkenswerte und einzig wirklich auf alle Texte zutreffende Merkmal (und vielleicht das einzige in dem ich mir sicher bin Brodsky richtig gedeutet zu haben), ist Zögern.

Brodsky selbst zögert nicht: er hat das Zögern umsublimiert in seine Gedichte – es liegt darin und lebt sich als Abschweifen in Gedanken, als Beobachtungspunkt, als Strom der Eindrücke und Bilder, als Wörter findende und suchende Kraft aus. Es überwindet sich selbst. Und bleibt. Und erschafft.

„Der Mond oben guckt
wie ein verlorener Ball über menschenleeren Tennisplätzen.“

„Zeit ist größer als Raum. Den Raum ist – das Ding allein.
Die Zeit aber ist ihrem Wesen nach Gedanke
an das Ding. Leben – eine Zeitform.“

Vieles bei Brodsky entspringt dem Kopf (wenn auch nicht unbedingt dem Verstand) und hat oberflächlich wenig mit Angelegenheiten der Wirklichkeit zu tun.

Man wird jedoch, wenn man aufmerksam liest, mit der Zeit verstehen, dass hier viel Zärtlichkeit und Lebensnähe enthalten sind, aber ihre versteckte Art ist der Versuch die Diskrepanz zwischen Gedicht und Realität zu überwinden und das Gedicht nicht als Überhöhung, sondern bloß als höhere Ausdrucksform des Seins zu begreifen, als Bindeglied und nicht als gänzlich ungebunden.

„Und wie ein Geizhals seine armen Vettern
zur Küche einlässt, lässt mein Ohr den Regen
nun dringen an den schlafgetrübten Sinn:
noch nicht Musik, doch auch schon nicht mehr Lärm.“

Erkenntnis. Sie gehört so zentral mit der Person Brodsky zusammen, dass man verwundert ist, ihre Finger selten offen im Spiel seiner Verse zu sehen. Kaum ein offener Tadel, kaum Belehrung, keine Predigt. Beinahe übersieht man dabei die weiträumigen Gesten, die viel mehr als solch profane Handlungen enthalten. Es ist schwierig, sie zu sehen, denn in sich trägt Brodskys Lyrik auch eine große Einheitlichkeit, die eine glatte Oberfläche vortäuscht, wo vielstimmige Ideen sich ausbreiten und die Gewänder häufig wechseln.

„Die Stunde früh. Es dämmert. Flußher Dampf.
Im Winde tanzen Kippen um die Urne. […] Es nieselt.“

„Zünd an die Kerzen. Und hör auf, man müsst
erhellen jemands Dämmerung durch ihr Licht.
Von uns hat niemand über andre Macht –
geheime Wünsche, die nur Unheil bringen.
An mir ist’s nicht, dich, Schönste, zu umfangen,
und nicht an dir, mich weinend anzuklagen.
Legt auf die Dinge selber doch das Wachs
sich, und nicht auf das Denken von den Dingen.“

„Der Ton – gleich einem sich entrollnden Band –
ist eine Art Verlängerung der Stille.“

Und Brodsky ist noch mehr als das, aber mehr kann und sollte ich nicht zu ihm sagen.

Für jeden der sich mit einem Gedicht und mit Gedichtzyklen größerer Länge und Tiefe intensiv beschäftigen will, der Abschnitte gerne zweimal, dreimal liest, um sie ganz zu verinnerlichen und ihre konspirative Kraft zu erfahren, wer ein Buch als einen Schatz vielfältiger Elegien zu schätzen weiß und wen es reizt, sich auf eine von punktierten Gedanken, wechselnden Tonlagen und konzentrischen Stimmungen durchsetzten Welt einzulassen, die das Unverstellte, das Leichte, ebenso wie das Rätselhafte und Stille kennt, dem kann ich Brodsky, als Dichter, empfehlen. Seine Poesie hat nichts fachmännisches, beherrschendes, vielmehr ist sie stets ein wenig verloren, wellenhaft, losgelassen, dann wieder auf den Punkt gebracht, nachdenklich und bald wieder verharrend im Ausdruck, der sich eine Schneise bricht. Aber sie findet kein Ende, sie findet keinen Anfang, sie findet nur: Existenz. Verse.

„Alle Pendel halten ein. August. Nur die Fliegen
treiben es bunter denn je – in ausgetrockneten Flaschen-
hälsen. Die Zeiger auf den Zifferblättern verschieben
sich wie Scheinwerferarme, die nach Engeln haschen.“

„Mittagspause. Aus einem Fenster dringt – deutlich zu hören
– Klaviermusik. Schon ist die Stille überwuchert
vom b-Moll-Getön wie der Fisch von den Schuppen.“

„Schnee fällt weiß
und sucht im Raum nach kleinen schwarzen Punkten“.

„Nichts geht umsonst
vorbei, schon gar nicht die Zeit.“

 

 

Lektüreliste:

 

Von Schmerz und Vernunft

(Essayband mit 6 Texten, hauptsächlich Betrachtungen zu Gedichten und Dichtern. Nun darf man sich keinen dieser Texte als einen akademischen Vortrag über das lyrische Ich und dergleichen vorstellen. Brodsky wusste, ähnlich wie Borges, dass der Reiz einer Sache nicht in den akademischen Kalkülen, sondern der Faszination (der Möglichkeiten) liegt. So geht es ihm um das Elementare, um die Gedichte selbst und in den drei zentralen Texte kreist sogar alles um einzelne Gedichte, die Brodsky Stück für Stück als poetische Erfahrungen durchleuchtet und ihre Tiefe und lyrischen Vermächtnisse aufzeigt, wie auch ihre unverstellte Botschaft.

Es geht um Hardy, Rilke, Frost, Horaz und antike Dichtung, Stephen Spender und die Lage der Lyrikverbreitung in Amerika)

Der sterbliche Dichter

(Essayband, handelt von vielen unterschiedlichen Themen. Enthalten u.a. eine filigrane Brasilienreportage; ein Essay über seine Jugend in Leningrad; ein Brief an den Präsidenten von Tschechien Václav Havel, eine Betrachtung zu Mark Aurel und Rom und einigen Reden.)

Flucht aus Byzanz

(Essayband, mit vielen Texten zu lyrischen Werken, u.a.: W.H. Auden, Montale, Konstantin Kavafis und seinen Landsleuten Anna Achmatowa, Mandelstam, Zwetajewa – allgemein geht es auch um die russische Literatur- und Kulturgeschichte, wobei Brodsky eben mehr in Ideen und Bildern, in Phänomenen, als in konkreten historischen Fakten denkt.)

Einem alten Architekten in Rom

(Kleiner Auswahlband der Gedichte, vor allem des frühen lyrischen Werkes vor der Auswanderung in die USA.)

Eine Haltestelle in der Wüste

(Gedichte. Gelungene, vielschichtige Auswahl. Russisch/Deutsch.)

Brief in die Oase

(Mit 100 Gedichten die umfassendste Ausgabe von Brodsky auf Deutsch.)

 

Gedenke meiner, flüstert der Staub. Und es klingt darin an, dass, wenn wir von der Zeit etwas über uns lernen, umgekehrt die Zeit vielleicht auch etwas von uns lernen könnte. Was das wäre? Das wir zwar an Bedeutung geringer sind, sie aber an Empfindungsvermögen übertreffen.“

(Aus: „Der sterbliche Dichter“, nach einem Zitat von Peter Huchel.)

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