Lyrische Handlungsfähigkeit IV: Antwort an Linus, Max und Charlotte

In Politik der Lyrik by Praesident1 Comment

Moritz 

Die beiden Texte von Linus und Max konzentrierten sich vor allem auf die Bestimmung von Politik, Charlottes sehr gelungene Antwort hat der Lyrik ihre verdiente Aufmerksamkeit zukommen lassen, jedoch blieb eine Synthese noch aus. Ich will annehmen, dass Lyrik in einem organisierten Feld entsteht und rezipiert wird, sonst würde auch keine Sprache benutzt werden. Deshalb nenne ich sie in jedem einzelnen Fall potentiell politisch. Es gibt Unterschiede in der Reichhaltigkeit sprachlicher Vergleiche oder der Originalität von Formulierungen, aber die normativen Grenzen zwischen den Kunstformen wären angemessener, wären sie offener.

Die Welt öffnet sich mit aufklärenden Gedanken, Lektüren, Gesprächen und jeder Form von Kunst. Wo das eine Person zufriedenstellt, kann es die andere frustrieren. Wir leben und begreifen nur relativ zu dem, was wir bereits begriffen haben. So wird Leben kontextualisiert – die Zuneigung der Eltern wiederholt sich nicht in jedem anderen Menschen bedingungslos. Daraufhin ordnet sich das Kind ein. Auch das bewusste Nichteinordnen würde bedeuten, einen Platz zu finden. Deshalb wäre Politik als Organisationskunst genau so wenig wie Lyrik überflüssig, gäbe es nur noch einen Menschen auf der Welt.

Politik soll hier kein „System“, sondern eine Bereitschaft zur Ordnung bedeuten, die in einigen Formaten dann die zu Unordnung als Ordnung wäre. Es ist erfahrbare Realität, dass eine gewisse Entfremdung des einzelnen Subjekts durch ein unüberblickbares Anwachsen des Apparates mit Mustern und Hierarchien entsteht. Aber Verdruss und Überforderung an der politischen Komplexität der Gegenwart kann nicht bis zum Austreten aus dem politischen Ganzen, also der Anlage zur Organisation, führen.

Kritik an Systemen und Situationen unternehmen Menschen immer innerhalb dieser. Es muss sie – einfach gesagt – so viel angehen, dass sie sich damit beschäftigen. Sobald sie es als ihr Problem akzeptieren, ist es ein Teil ihrer Welt. (Wer übrigens mit durchgehender Kleinschreibung im eigenen und zitierten Text versucht, Hierarchien abzubauen oder Gewohnheiten zu stören, während trotzdem noch auf regelkonforme Zeichensetzung geachtet wird, bewegt sich wieder im Feld von Sprachregeln, die er dann einfach nur bricht.) Das bedeutet nicht, dass jede Kunst automatisch politisch ist, sondern nur, dass sie fast nie nicht politisch gedeutet werden kann. Besonders nicht, wenn ihre jeweiligen Autor*innen noch als Lebende an der Diskussion teilnehmen können.

Politische Lyrik ist nicht nur die anklagende der oppositionellen Seite, wenngleich sie in der Funktion leichter wahrnehm- und diskutierbar ist. Was an einer Zeit nicht kommentiert wird, reicht ohnehin als Aussage („Was sind das für Zeiten, wo / Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist / Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!“ – Das kann immer gelten, wie man auch immer jemandem nachgeboren ist.)

Als dieses organisierende, politische Wesen ist der Mensch ein sprechendes. Die Sprache als strukturierendes Element wird auf der Insel nicht verschwinden, vielleicht nur die Kommunizierbarkeit. Mit dem Benennen und Wiedererkennen der Alltagswelt, wie unbewusst auch immer, geht etwas einher, das ich das lyrische Potential nennen will. Wer sprechen kann, wird auch dichten. Dies meint zunächst das Arbeiten mit und an Sprache, das Charlotte im „Lyrik“-Kapitel hinreichend gut bebildert hat. Dann aber auch eine inhaltliche Seite, die mir in der gesamten Diskussion bisher merkwürdig unbeachtet blieb. Zwar weist auch Charlotte auf Stoffe und Sprachen politischer Dichtung hin, aber der Großteil der Texte bezieht sich auf das Formen dieser. Möglicherweise ist aus der schöpfenden Perspektive da auch der Fokus zu setzen, die rezipierende fragt nach dem Inhalt, wenn etwas als „politisch“ bewertet werden soll.

So kommt es dazu, dass alle drei vor mir gewisse Gedichte „langweilig“ nennen können. Ob solche in Sonnettform oder rückwärts aufgeschrieben werden, ändert daran wohl nichts. Gemeint sind das Auftauchen gewisser Eigennamen und offensichtlicher wie-Vergleiche, in denen Leser*innen sich höchstens als tagespolitische Individuen wiederentdecken können. Denn sobald die Zeitungen damit beginnen, diese Namen nicht mehr zu behandeln, bedarf es schon eines historischen Kommentars zu dem Gedicht. Der Text „hilft“ mir einen Tag, nicht mein ganzes Leben lang.

Wir sind uns einig, dass diese verweisende, sehr kontextabhängige Lyrik ausgesprochen selten Einfluss auf die von ihr kritisierte oder nur beschriebene Politik hat. Wenn, wird sie im Feuilleton abgedruckt, und das ist nie weit vorn. Wieso sehen sich aber umgekehrt Schriftsteller*innen von politischer Lyrik in ihrem künstlerischen Selbstverständnis angegriffen, wo die politische Gemeinschaft in ihrem politischen unbeeindruckt bleiben kann? In der öffentlichen Wahrnehmung ist Dichten immer noch eher ein lyrischer als ein politischer Akt, unabhängig vom Inhalt. Nur in seltenen Fällen hat man Verse im Kopf, wenn es nicht um Verse geht. Sollen deshalb maximal „Spuren“ von Lyrik in Formaten wie Rapmusik oder Werbung enthalten sein, weil sie populär sind? Ich halte diese Trennungen für konstruiert, wie Charlotte für mich selbst schon andeutet, wenn sie sagt, Lyrik müsse nicht immer punktgenau sein, weil auch eine „zelebrierte Breiigkeit“ effektiv sei. Auch die ausschweifendste, ungenauste Lyrik ist pointierter als die Wahrnehmung selbst, ist immer Verdichtetes.

Für wichtiger zur Beurteilung der politischen Dimension von Lyrik halte ich die Lesbarkeit eines Gedichts für seine Zeitgenoss*innen. Ein von Linus vorgeschlagenes „experimentelles“ Lesen gibt es nicht. Entweder liest man einen experimentellen Text, also einen, der herkömmlichen Gestaltungsmuster erkennbar entgegenarbeitet (a), einen der diesen folgt (b) oder etwas, das nicht als Text entziffert werden kann (c). Meiner Meinung nach hängt eine möglicherweise intendierte politische Botschaft nicht mit diesen Unterschieden auf formaler, sondern inhaltlicher Ebene zusammen. Denken wir uns ein Gedicht der Form (a) und der inhaltlichen Gestaltung (b), also beispielsweise reimlos, klein geschrieben und versehen mit Politikernamen aus der Tagespolitik sowie einigen Imperativen.

Lesbar kann es nur für Zeitgenoss*innen und jeden späteren Lesenden sein, der sich durch die Quellenlage zum Zeitgenossen macht. Das sich auf die Tagespolitik beziehende Gedicht ist kurzzeitig sehr zugänglich bis sein Inhalt immer voraussetzungsreicher wird. Lyrik, die aus persönlichen Empfindungen heraus entsteht, mag unzugänglich wirken, aber ebenso auch viele Generationen später. Schlussfolgert man daraus, dass der auf die Gegenwart limitierte Anspruch ein Gedicht der ersten Art „langweilig“ macht, weil es nicht um Allgemeingültigkeit ringt und spätere Interpret*innen große Mühen kostet, wird übersehen, dass die Kategorie politischer Zeigefingerkunst dafür umso allgemeiner ist. Sie funktioniert als Aufruf in der Gegenwart, dann als Diskussionsmaterial und zuletzt als aussagekräftigstes Zeugnis der Zukunft über ehemalige Gegenwarten.

„Langweilig“ urteilt Linus vermutlich also darauf bezogen, dass diese Gedichte nicht in der Lage sein werden, Veränderungen herbeizuführen, weil sie zu einer alternativen Berichterstattung werden, die höchstens Frustrationen reproduzieren. Dazu passt, gleich irrtümlich, die spätere Bemerkung, dass das Verstehen niemals demokratisch sei, wenigstens im Moment nicht. Beides hat einen eigenartigen, kollektiven Begriff zugrunde liegen, der hier ein letztes relativierendes Moment (mit Gadamer) einleiten soll. Verstehen ist niemals abgeschlossen, ist immer subjektiv und abhängig von der hermeneutischen Situation. Undemokratisch am Verstehen sind vielleicht die Zugänge zu dem verstehbaren Wissen, alles andere bleibt subjektiv, weswegen die Kritik am Undemokratischen nicht greift.

Die Ungerechtigkeit in Form von Zugangsbeschränkungen lassen sich aber noch erweitern um die Ungerechtigkeiten im Wahrgenommenwerden. Lyrik kann politisch sein wollen, auch ohne das zu schaffen. Dabei gebe ich Linus Recht: „die verständlichsten äußerungen sind befehle.“ Vor allem jedoch, weil sie prägnant sind, in ihrer Bildlichkeit oft bescheiden und mittels Wiederholbarkeit Wahrheiten suggerieren. Sie sind trotzdem daraufhin geformt, damit gedichtet.

Abhängig davon, was aus ihnen gemacht wird, können sie auch als politische Lyrik funktionieren. Damit meine ich nicht, dass Veränderungen spürbar werden, die nur diesen Zeilen zu verdanken wären, sondern ein Blickwinkel angeboten wird, der sich sonst nicht aufdrängt. Einen Befehl zu lesen, zu übersetzen, zu zitieren oder rückwärts aufzusagen ist verschieden von der Leistung, ihn lediglich zu befolgen. Alles hat dabei die gleiche sprachliche Grundlage, unabhängig davon, ob hier Lyrik politisch oder Politik ver-, be-, angedichtet wird.

Comments

  1. please be more careful about some of your illustrations. e.g. ‚So life is contextualized – the affection of the parents is not repeated in any other people unconditionally’… you have to explain what you mean…

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